Die Degeneration des Auges
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Tags: körper, kunst, philosophie, theorie
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De|ge|ne|ra|ti|on die; -, -en
1. (Biol., Med.) Verfall von Zellen, Geweben od. Organen.
2. vom Üblichen abweichende negative Entwicklung, Entartung; körperlicher od. geistiger Verfall, Abstieg
Duden - Das Fremdwörterbuch, 8. Aufl. Mannheim 2005 [CD-ROM]
Degeneration wird also laut Duden als negative Entwicklung beschrieben. Der Verfall des Auges? Der Abstieg des Auges?
Ich verwende den Begriff der Degeneration ebenfalls im Sinne des Verfalls, nicht aber des negativen Verfalls. Es geht um eine vielleicht willentliche, vielleicht unbewusste Veränderung des Auges. Gleichwohl handelt es sich um eine herbeigesehnte, gewünschte, erhoffte Veränderung. Auch hier handelt es sich um einen Vorgang, der durchaus unbewusst stattfinden kann. Es ist möglich etwas zu wollen und nichts davon zu wissen. Die Degeneration des Auges halte ich für eine derartige Entwicklung.
Sie ist der Schleim, der Schmutz, die Unsauberkeit, das Ungeziefer, welches einen gereinigten, organisierten Raum befällt, sobald man ihn sich überlässt, ja sobald man ihn dem Lebendigen überlässt. Das Auge überzieht sich mit Schleim, verwandelt sich in seiner Form, kommt der Höhle wieder näher, in deren Inneren ein Tier wohnt, das hinterlistig darauf wartet, wie eine Spinne über das herzufallen, was sein Heim betritt.
Degeneration ist Verfall, wie es auch Verlust ist, etwas wird weggenommen, es wird weniger. Aus einer anderen Position könnte man es vielleicht für Spezialisierung halten. Doch das ist es nicht. Es ist schlecht und absurd, weil es diese Eigenschaften als die Quelle seines Lebens und die Hoffnung seines Todes erkennt.
Das Auge wird wieder zum Malum, zum Apfel, zum Augapfel, zum Bösen. Hierbei überschreitet es eine Grenze, die zwischen dem Verstehen und dem Erkennen liegt. Einer Grenze, die vom Verständnis zur Erkenntnis führt. Es geht nun nicht mehr darum zu „schauen”, sonder zu „sehen”. Der Unterschied ist die Art der Schwingung. Die „Schau”, das „Schauen” erfordert eine Gleichschwingung, die das Erkennen ausschließt. In der „Schau” besteht die Verbindung nur im „es”. Man kann nicht „schauen” und man kann nicht sagen „ich schaue”. Der Prozess des „Schauens” schließt dies aus. Das Erkennen hingegen ist eine Dissonanz, in der man sich als „Ich” im Ungleichgewicht zum „Gesehenen” befindet. Hierdurch erfolgt nicht zwingendermassen eine Unterscheidung des „Ich” von „Es”. Oder besser gesagt, das Ungleichgewicht erfüllt sich nicht in der Unterscheidung. Die ungleiche Schwingung erlaubt einem jedoch im „Gesehenen” verschiedene Schwingungen festzustellen.
Das Erkennen wird hier zu einem „Ich will nicht verstehen”. Es wird zu einem „Ich blicke mich selbst”. Das Auge wird getäuscht, mit einem Filter überlagert, verweigert sich der Möglichkeit „direkt zu blicken”. Dies hat nicht den Grund, das die Welt ein Medusenhaupt ist, es geschieht auch nicht in der Absicht, dem Narziß gleich, sich nur selbst sehen zu wollen. Das Auge verändert sich, von einem Körper aus Glas, hin zu einer feuchten warmen Öffnung - ohne es auf das Geschlecht zu beziehen - zu einer Fut, aus der heraus je eine Zunge bleckt, um die Welt zu erlecken. Wohlgemerkt ist dies ein aktiver Prozess (der wiederum nicht bewusst geschehen muss. Ja ganz im Gegenteil, wird er umso wertvoller, je unbewusster er passiert. Das Auge wird geblendet, oder will sich blenden lassen - und wenn es eine Rasierklinge leckt, um seine eigenes Blut zu schmecken, so wird es dies mit größerer Genugtuung tun, das dem Lecken an einem Zuckerstück.)
Das Auge blendet sich. Es wird zu einem Toben und einem Hass, einer Gier und einer Umschmeichelung. Es befindet sich in einem Zustand des Fließenden, der Elemente des Schleims und des Breis, in dem es mit seinem Schleim zersetzt und in seiner Höhle zerkaut. Es zersetzt im Blicken, nicht jedoch um zu analysieren, sondern um das „Gesehene” noch weiter zu vermischen.
Es handelt sich um die tiefe Sehnsucht, vom Apfel zu beißen, um dreckig und schmerzvoll zu sein. Entgegen der „eleganten Schau”, um zu einem Wesen zu werden, das nicht mehr Sprechen (Namen geben) kann, sondern nur noch stöhnen und grunzen kann.
Das degenerierte Auge führt zu einer Kultur, die nicht mehr verstehen kann - in der Art eines Wissens, das unsterblich ist, weil es als Destillat in seiner Reinheit niemals leben konnte - , hin zu einer Kultur, die erkennen kann - und gerade dadurch unsterblich lebt, weil “ich” sterben kann und sterben muss.

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